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Die Geschichte vom Loch

von © Werner Stangl

Heut morgen geschah es:
Hinter dem Dorf
beim blühenden Kirschbaum
fällt aus den Wolken
ein Loch
und plumpst auf die Wiese.
Hat es keiner gesehen?
Hat es keiner gehört?

Der Maulwurf vielleicht?
Er stößt seine samtene Schnauze
mitten hindurch
und schnuppert...
Er blinzelt nur einmal
und geht seiner Wege.

Der Wind wirbelt das Loch
hoch über die Wiese
durch die Hecken hindurch
hinüber zum Dorf.

Am Dorfplatz ergießt sich
das Wasser des Brunnens
in einen hölzernen Trog.
Benommen vom Flug
purzelt das Loch
gradwegs hinein
und versinkt.
Es geschieht, was geschehen muß!

Das Loch kollert,
vom Wasser verschlungen,
über die Steine des Platzes.
Es gibt kein Halten!
Es geschieht, was geschehen muß!

Das Loch verschwindet
im Dunkel eines Kanals.
Hilflos und blind
treibt es dahin.
In der Ferne ein Licht.
Es wird größer und größer.
Im Schwall stürzt das Wasser hinab.
Es geschieht, was geschehen muß!

Auf einem Regenbogen
rutscht das Loch in den Teich
und versinkt.

Prustend hängt sich das Loch
an den Schwanz eines Fisches.
Der Fisch erschrickt.
Er schnappt nach dem Haken.
Es geschieht, was geschehen muß!

Gefangen, gehangen!
Vom kräftigen Arm des Fischers gezogen,
müssen beide hinauf...
In hohem Bogen fliegen
der Fisch und das Loch in das Boot.
Es geschieht, was geschehen muß!

Der Fisch, das Loch und das Boot
sinken zum Grunde des Teiches.
Der Fischer, gottlob, kann sich retten!
Und das Loch?
Zum Dank für die Rettung
bringt der Fisch
es ans sichere Ufer.
Dort baumelt das Loch
im flüsternden Schilf.

Es wird Abend.
Die Eule ruft dreimal herüber.
Im Schilf sucht ein Vogel nach Gräsern.
Droben im Kirschbaum baut er sein Nest.
Durch die Äste
schwebt das Loch auf die schlafende Erde.
Vielleicht hat eine Maus
darin ihre Schlafstatt gefunden.

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