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Vom Maulwurf und der Hexe

© Lars Kobbe

Es war einmal ein Maulwurf, der eine Vorliebe für sehr lange unterirdische Gänge hatte. Eines Tages, als er wie üblich seine Arbeit unterbrach, um ein paar Regenwürmer zu essen, vernahm er ein schwaches Geräusch in seiner Nähe. Still blieb er stehen und lauschte in den Gang - kein Zweifel, leise, aber deutlich konnte er ein dumpfes Pochen hören.
Dom, bom . . . dom, bom . . . dom, bom.
Mit seinen starken Pfoten buddelte er sich durch das Erdreich und kam so in eine kleine Kammer. Er tastete aufgeregt umher und entdeckte schließlich etwas angenehm warmes und weiches. Wie erstaunt war er, als er erkannte, daß es sich um ein lebendes, regelmäßig schlagendes Herz handelte.
"Wem dieses Herz wohl gehören mag?", dachte er. "Hier unten habe ich niemanden getroffen, also wird es wohl von oben stammen." Der Maulwurf wurde neugierig, was es mit diesem seltsamen Fund auf sich hatte. Er steckte das Herz ein und machte sich auf den Weg nach oben.
Nachdem er seinen Maulwurfshügel errichtet hatte, suchte er ein paar andere Tiere, die ihm vielleicht weiterhelfen konnten. Da seine Augen nicht so gut waren, mußte er sich mit Hilfe seiner Nase und seiner Ohren zurechtfinden. Das war zwar gar nicht so leicht, aber er hatte ja schon jahrelange Übung darin. Bald entdeckte seine Nase den Geruch eines Kaninchens in der Nähe und der Maulwurf folgte ihm bis zu einem dichten Gebüsch.
"Guten Tag, Herr Kaninchen!", sagte der Maulwurf, wobei er nicht wußte, daß es auf der Erde schon längst Nacht war. Er konnte auch nicht sehen, daß das Kaninchen dicht am Boden kauerte und am ganzen Körper vor Furcht zitterte. "Bi-bi-bitte ni-ni-nicht fressen!", sagte das Kaninchen und versuchte, noch tiefer ins Gebüsch zu kriechen.
"Wieso fressen? Ich wollte Ihnen nur eine Frage stellen. Sie brauchen doch vor mir keine Angst zu haben!", versuchte der Maulwurf das Kaninchen zu beruhigen. Da kroch das Kaninchen näher heran und flüsterte: "Oh, Sie sind ja ein Maulwurf! Es ist schon so dunkel, daß ich Sie nicht gleich erkannt habe."
"Dann wünsche ich wohl lieber guten Abend", sagte der Maulwurf. Das Kaninchen entgegnete leise: "Eigentlich ist es auch nicht Abend, sondern Nacht. Aber seien Sei lieber leise, sonst wird man uns hören!"
"Wer soll uns denn hören?", erkundigte sich der Maulwurf leise.
"Na, die Drachen, dumme Frage.", sagte das Kaninchen.
"Drachen?", fragte der Maulwurf erstaunt, "ich dachte, die gibt es längst nicht mehr."
"Schön wär's, aber leider wimmelt es hier in letzter Zeit nur so von Drachen. Niemand weiß, wo sie herkommen, aber es werden von Tag zu Tag mehr.", sagte das Kaninchen. Niedergeschlagen senkte es seinen Kopf. "Und das schlimmste ist, immer mehr von uns Tieren fallen ihnen zum Opfer. Für jedes verschwundene Tier kommt ein neuer Drache hinzu."
Da wurde dem Maulwurf ganz mulmig im Bauch und er fürchtete sich sehr. Ein Drachenabenteuer war nicht nach seinem Geschmack. Er wollte gerade wieder in seine unterirdischen Gänge zurückgehen, da fiel ihm ein, weshalb er eigentlich gekommen war.
"Herr Kaninchen, ich habe dies hier unter der Erde gefunden", sagte der Maulwurf und holte das lebende Herz aus seiner Tasche. Das Kaninchen betrachtete das Herz mit offensichtlichem Staunen.
"Können Sie mir sagen, was es mit diesem Herz auf sich hat?", fragte der Maulwurf.
"Das weiß ich auch nicht. Aber ich kann Sie zum Obersten Kaninchen bringen. Er ist das klügste Kaninchen weit und breit und wird Ihnen sicherlich weiterhelfen können."
Daraufhin machten sich die beiden auf den Weg. Das Oberste Kaninchen wohnte in einem großen, weitverzweigten Kaninchenbau. Es hörte sich die Geschichte vom Maulwurf an und betrachtete dann das Herz sehr aufmerksam. Schließlich sagte es: "Da haben Sie einen höchst bemerkenswerten Fund gemacht, Herr Maulwurf. Nur kann ich Ihnen leider auch nicht mehr zu diesem Herz sagen, als das es offensichtlich verzaubert ist. Und mit Zauberei kenne ich mich nicht aus. Es gibt aber eine Eule im Wald, die als sehr weise und klug gilt. Sie kann Ihnen bestimmt weiterhelfen."
Da der Maulwurf den Weg nicht kannte, wurde er vom Kaninchen begleitet. Bald gelangten sie zu einem großen, alten Baum, auf dessen unterem Ast die Eule saß und die Ankömmlinge mißtrauisch musterte.
"Wohin so eilig?", fragte sie in einem eher spöttischen Tonfall. "Wohl zu den Drachen, wie? Wollt wohl gefressen werden, wie?" Dabei stieß sie einen langen, unheimlichen Schrei aus: "Uhuhuuu" tönte es durch den Wald.
"Keineswegs", entgegnete der Maulwurf. "Wir waren auf der Suche nach Ihnen, verehrte Frau Eule."
"Und so habt ihr mich gefunden", verkündete sie. "Wollt mich was fragen, wie? So sei's, so sei's. Stellt eure Frage!". Die Eule öffnete ihre Augen weit und starrte die beiden an. Das Kaninchen bekam ein wenig Angst und verkroch sich hinter dem Maulwurf.
Der Maulwurf aber konnte die Augen der Eule nicht sehen und entgegnete gelassen: "Nun, verehrte Frau Eule, ich habe etwas gefunden und wollte mich erkundigen, ob sie etwas darüber wissen." Dabei holte er das lebende Herz aus seiner Tasche und hob es hoch in die Luft.
"Uhuuuu, uhuuuu", machte die Eule erstaunt. Sie flatterte von ihrem Ast und landete dicht neben dem Maulwurf, um sich das Herz genauer anzusehen. "Uhuu, uhuu, woher, woher?", stieß sie atemlos hervor. "Ich habe es unter der Erde gefunden. Etwas außerhalb des Waldes.", sagte der Maulwurf. "Können Sie mir sagen, wem es gehört und was ich damit machen soll?" "Nein und ja. Ich weiß nicht, wem es gehört, aber ich weiß wohl was es ist. Es ist ein Herz, ein verzaubertes Herz. Nur eine Person gibt es, die wissen kann, wem es gehört. Doch eine Hexe ist sie, uhu, uhuu, und niemand kann zu ihr gelangen."
"Aber warum kann denn niemand zu ihr ?", fragte der Maulwurf.
"Die Drachen, ja die Drachen, sie lauern überall. Und du besiegst sie niemals. Du bist blind, ja blind, du kannst sie nicht sehen!", sagte die Eule.
"Aber dafür kann ich riechen und schmecken und vor allen Dingen gut hören!", entgegnete der Maulwurf.
"Laß es sein, lieber Maulwurf", sagte da das Kaninchen. "Sie hat recht. Niemand traut sich an den Drachen vorbei. Kein einziges Tier war bisher so mutig, sich einem Drachen zu stellen. Und du kannst sie nicht einmal sehen. Du würdest von ihnen schneller gefressen werden, als du bis drei zählen kannst."
Da fühlte sich der Maulwurf gekränkt. Er wollte zwar lieber nichts mit den Drachen zu tun haben, aber daß man ihn wegen seinen schlechten Augen für einen Schwächling hielt, wollte er nicht auf sich sitzen lassen. So antwortete er: "Ich werde euch beweisen, wie gut ich auf mich aufpassen kann. Und ich werde die Hexe finden, Drachen hin oder her." Und schwupps, steckte er das Herz in seine Tasche und stapfte davon. "Mal sehen, wie klug die Eule wirklich ist", dachte er und machte sich trotz ihrer Ratschläge allein auf den Weg in den tiefen, dunklen Wald hinein.
Nach einer Weile fing es an zu regnen. Der Maulwurf wäre nur zu gerne wieder unter die Erde gekrochen, denn er mochte Regen nicht sehr gern. Aber unter der Erde würde er die Hexe wohl nie finden, und so setzte er seinen Weg verdrossen fort.
Zur gleichen Zeit flog ein feuerroter Drache über den Wald und entdeckte das Kaninchen und die Eule, die sich noch Gedanken darüber machten, ob sie dem Maulwurf hinterhergehen sollten.
Zum Glück bemerkten sie den Drachen rechtzeitig und versteckten sich schnell hinter ein paar dichten Büschen.
Ein paar Sekunden später landete bereits der Drache und schaute mit seinen gelb glimmenden Augen umher. Dann rief er mit weinerlicher Stimme: "Wo seid ihr denn? Ich will euch nichts tun!" Doch das Kaninchen und die Eule blieben in ihrem Versteck.
"Was meinen Sie, können wir ihm trauen?" fragte das Kaninchen die Eule.
"Auf keinen Fall!", flüsterte die Eule, "sieh nur was für unheimliche Augen er hat! Er will uns bestimmt nur herauslocken - und uns dann mit seinen scharfen Zähnen zerfleischen!"
"Bitte helft mir doch! Ich habe solchen Hunger!", sagte der Drache.
"Na, was habe ich gesagt! Hunger, hat er! Auf uns natürlich!", flüsterte die Eule. Das Kaninchen erschauerte bei dem Gedanken gefressen zu werden und wartete in aller Stille darauf, daß der Drache verschwinden würde. Es dauerte auch nicht lange, da erhob sich der Drache wieder und flog davon. "Ich hoffe nur, der Maulwurf hat seinen törichten Plan aufgegeben, sonst läuft er dem Drachen geradewegs in die Klauen.", dachte das Kaninchen und wußte nicht, wie recht es damit haben sollte.
Der Maulwurf stapfte noch immer durch unzählige Pfützen und murmelte vor sich hin, als er plötzlich einen kurzen, heftigen Windstoß spürte und große Fügel schlagen hörte. Der feuerrote Drache setzte direkt vor seinen Füßen zur Landung an. Der Maulwurf konnte ihn zwar nicht sehen, aber er erkannte das Ungeheuer an seinem Flügelschlag.
"Ein Drache!", schoß es ihm durch den Kopf und schnell wie ein Wiesel huschte er ins nächstgelegene Gebüsch. In Windeseile buddelte er sich ein Loch in den Boden, um dem Drachen zu entkommen.
Als der Drache auf dem Waldboden landete, konnte er den Maulwurf bereits nicht mehr sehen. "Ach, was für ein Jammer!", sagte der Drache traurig, "niemand will mir helfen."
Der Maulwurf war noch in der Nähe und hörte so jedes Wort. Was er hörte war aber nicht die Stimme eines Drachen, sondern die Stimme eines Vogels. Eines Spechtes, um genau zu sein.
"Das kann doch nicht sein!", dachte der Maulwurf. "Nun, vielleicht ist dort wirklich nur ein Specht. Dann muß ich ihn warnen, bevor der Drache ihn sieht!" Also kroch er ein wenig näher heran und flüsterte: "Vorsicht! Hier ist ein Drache in der Nähe!"
Der Drache guckte sich verblüfft um und sagte: "Ich sehe hier keinen!"
"Doch, doch", flüsterte der Maulwurf, "ich habe ihn gerade anfliegen hören!"
"Das war ich!", sagte daraufhin der Drache.
"Bist du denn ein Drache?", fragte der Maulwurf verblüfft.
"Ja! ...ich meine, nein! Ich bin eigentlich ein Specht, aber ich sehe aus wie ein Drache.", sagte da der Drache und blickte auf den Maulwurf, dem vor lauter Staunen der Mund weit offen stand.
"W-i-e b-i-t-t-e?", fragte der Maulwurf ungläubig.
"Na ja, ich bin wie gesagt ein Specht, oder war es zumindest vor ein paar Tagen. Ich war gerade dabei, ein paar Würmer aus einem Baum herauszupicken, als die Hexe auftauchte und mich in einen Drachen verwandelt hat. Sie war anscheinend gerade sehr schlecht gelaunt. Sie meinte zu mir «Du kannst froh sein, daß ich dich nicht in eine Fliegenpilz verwandelt habe! Verschwinde und laß dich hier nicht mehr blicken!»
Ich habe keine Ahnung, warum sie so sauer auf mich war. Ich kenne sie doch schon länger und sie war sonst nie so böse. Sie hat außer mir noch einige andere Tiere in Drachen verwandelt.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schlimm das ist, ein Drache zu sein! Ich habe schon seit ein paar Tagen nichts gegessen und kann mit meinem großen Maul keine Würmer und Raupen mehr fangen. Und selbst wenn, ich glaube nicht, daß ich von ein paar Würmern satt werden könnte." Traurig blickte der Drache auf seinen abgemagerten Bauch. "Ich wünschte, ich könnte die Hexe dazu bringen, mich wieder in einen Specht zurückzuverwandeln. Sie kann doch nicht so herzlos sein und mich verhungern lassen!"
"Herzlos?", murmelte der Maulwurf nachdenklich. "Herz-los?. Das ist es! Jetzt weiß ich endlich, wem das Herz gehört, das ich gefunden habe!" Und zum Drachen sagte er: "Keine Angst, mein lieber Specht! Sie werden schon bald wieder satt werden können. Helfen Sie mir nur, die Hexe zu finden! Ich habe da eine Idee. . ."
"Ich mache alles mit, wenn ich nur nicht mehr hungern muß", verprach der Drache.
Da nahm der Maulwurf das Herz aus seiner Tasche, ging damit zum Drachen und sagte nachdenklich: "Kein Drache du bist, ... äh ... nur Würmer du frißt. Nun sei wieder echt - Steh' vor mir als Specht!" Kaum hatte er den Drachen mit dem Herzen berührt, verwandelte er sich zurück in einen Specht.
"Unglaublich, wie hast du das gemacht?", fragte der Specht fassungslos.
"Hat es geklappt?", wollte der Maulwurf wissen. "Na dann haben wir ja nochmal Glück gehabt. Ich weiß ja gar nicht wie man zaubert. Ich dachte mir, vielleicht tut es ja ein Reim oder eine Berührung oder beides."
"Na wie auch immer, hauptsache es hat geklappt!", rief der Specht erfreut. "Nun laß uns ein paar Würmer fressen gehen!"
"Nein, erst müssen wir die Hexe finden, bevor sie noch mehr Unheil anrichtet", erwiderte der Maulwurf. Er hatte zwar auch ein wenig Hunger, aber er wußte, er würde erst dann wieder in Ruhe essen können, wenn die Hexe aufhören würde, Tiere in Drachen zu verwandeln.
Also machten sie sich auf den Weg. Sie wußten zwar nicht, wohin sie gehen sollten, aber mit etwas Glück würden sie die Hexe schon finden. Doch es dauerte nicht lange, bis jemand anderes sie fand. Ein giftgrüner Drache hatte sie entdeckt und wollte sie fressen. Er war nämlich ein verwandelter Wolf und hatte auch als Drache eine helle Freude daran, kleinere Tiere zu fressen. "Jetzt habe ich euch", brüllte der Drache dem Specht und dem Maulwurf entgegen. Doch der Maulwurf erkannte die Stimme des Wolfes und sagte beschwörend: "Du bist doch kein Drache, daß ich nicht lache! Ein Wolf, das bist du. Nun laß uns in Ruh'."
Kaum hatte er den Drachen mit dem Herz berührt da verwandelte er sich zurück in einen Wolf. Er war dabei so erschrocken, daß er nicht länger ans Fressen dachte, sondern sich so schnell wie er konnte aus dem Staub machte. Was sollte er auch ausrichten gegen einen Maulwurf, der zaubern kann!
Der Specht und der Maulwurf wanderten noch weiter durch den Wald und begegneten noch einigen anderen Drachen, die sie aber alle wieder zurückverwandeln konnten. Schließlich kamen sie zu einem kleinen Haus im Wald. Der Specht, der das Haus ja sehen konnte erklärte dem Maulwurf: "Hier wohnt die Hexe! Ich sehe Rauch aus dem Kamin steigen. Sie ist bestimmt zuhause. Ich weiß bloß nicht, wie wir unbemerkt zu ihr gelangen können. Es gibt nur eine Tür, und die ist zu."
"Das macht nichts", sagte der Maulwurf. "Ich habe schon eine Idee. Bring mich zur Tür und dann klopf an." Und so stellte sich der Maulwurf neben die Tür und der Specht pochte mit seinem Schnabel dreimal laut und vernehmlich gegen die hölzerne Tür. Ängstlich flog er ein paar Meter zurück.
Mit einem Quietschen und Knarren öffnete sich die Tür und die Hexe kam heraus. Den Maulwurf konnte sie nicht sehen, denn er hatte sich ja hinter der Tür verborgen. Aber den Specht erkannte sie und herrschte ihn wütend an: "Was willst du von mir, du dummer Specht? Soll ich dich wieder in einen Drachen verwandeln? Mein Zauberspruch hat wohl nicht lange genug gewirkt. Vielleicht sollte ich diesmal wirklich in einen Fliegenpilz verwandeln!"
Der Specht zitterte vor Furcht und stammelte nur: "Äh . . . ähmm . . . ich . . ." Warum tut der Maulwurf denn nichts?, dachte er voller Panik und blickte erwartungsvoll zu ihm hinüber.
Doch der Maulwurf rührte sich nicht. Er wollte eigentlich seinen Reim sagen und die Hexe zurückverwandeln, aber nun fiel ihm ein, daß sein Reim bei ihr nicht wirken würde. Sie war ja gar kein Drache, den er in ein Tier zurückverwandeln konnte, sondern sie war und blieb eine Hexe! Und auf die Schnelle wollte ihm einfach kein passender Reim einfallen.
Die Hexe begann bereits einen Fliegenpilz-Zauberspruch aufzusagen und der Specht wurde ganz bleich im Gesicht.
Dem Maulwurf blieb nun keine Zeit mehr für Überlegungen, also berührte er sie fest mit dem Herz und sagte dann das Erstbeste was ihm einfiel: "Hier, nimm dein blödes Stück! - Und nun verwandel dich zurück!"
Da verschwand das Herz plötzlich aus seinen Pfoten und die Hexe blieb regungslos stehen. Der Specht traute seinen Augen nicht, als er sah, wie das Herz in die Luft schwebte und sich nahtlos in ihren Körper einfügte.
Dann drehte sich die Hexe um, schaute den Maulwurf an und sagte freundlich: "Vielen Dank, daß du mir mein Herz zurückgebracht hast. Ich muß nun nie wieder herzlos und gemein sein. Für deine Hilfe mache ich dir ein kostbares Geschenk. Dein sehnlichster Wunsch ist es doch bestimmt, sehen zu können, nicht wahr?"
Da sagte der Maulwurf: "Eigentlich nicht. Ich bin es gewöhnt, die Dinge im Dunkeln zu betrachten."
Da lachte die Hexe und sagte: "Du hast recht, mein lieber Maulwurf. Nur weil du so bist, wie du bist, konntest du mir helfen. Ein sehender Maulwurf hätte die Drachen nicht in ihrer wahren Gestalt erkannt. Laß mich dir ein anderes Geschenk machen: Du kannst mich zwar nicht sehen, aber ich werde dir so wie ich bin in deinen Träumen erscheinen und alle Alpträume für immer vertreiben."
Da unterbrach sie der Specht und klagte: "Kannst du mir auch einen Wunsch erfüllen?"
"Aber sicher", sagte die Hexe, "was wünschst du dir denn?"
"Ach, also mein aller-, aller-, allersehnlichster Wunsch ist etwas zu essen, wenn das nicht zuviel verlangt ist?", sagte der Specht und schon zauberte ihm die Hexe ein großes, schmackhaftes Essen herbei.
Dann verabschiedeten sich der Maulwurf und der Specht von der Hexe und gingen jeder ihrer Wege.
Der Maulwurf war froh, das Abenteuer so unversehrt überstanden zu haben, aber ganz glücklich war er nicht. Er dachte an das Geschenk der Hexe und wünschte sich, er hätte es zurückgewiesen.
Sie wollte ihm zwar alle Alpträume vertreiben, aber er konnte sich keinen schlimmeren vorstellen, als jede Nacht von einer alten, häßlichen Hexe mit Warzen und einer krummen Nase zu träumen.
Als er sich schließlich, erschöpft vom langen Graben, in einer unterirdischen Kammer zur Ruhe legte, fiel er in einen unruhigen Schlaf. Bald fing er an zu träumen und sah, wie er durch den wunderschönen, grünen Wald ging, bis er zu einem kleinen Haus kam, aus dessen Schornstein ein wenig Rauch kam. Da öffnete sich die hölzerne Tür und eine bildschöne, junge Frau kam ihm lächelnd entgegen und sagte: »Eine Hexe muß nicht immer häßlich sein.« Nun wußte der Maulwurf, daß er das wunderbarste aller Geschenke bekommen hatte und sank in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

ENDE

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