Maulwürfiges--->Lyrik & Prosa--->...

Die Maus, die so gerne ein Maulwurf gewesen wäre

Es war einmal eine kleine Maus, die wohnte in einem Feld am Rande eines großen Waldes. Ihr ging es sehr gut, denn es fehlte ihr an nichts, sie hatte immer genug zu fressen und zu trinken, und oft kamen ihre Freunde aus dem Wald zu Besuch. Trotzdem war die kleine Maus mit einem Mal ganz traurig und hatte gar keine Lust mehr, zu spielen. Sie fraß auch kaum noch, und ihr Fell glänzte nicht mehr in der Sommersonne, wie sonst. Eines Tages, es war wieder ein schöner Sommertag, schlich die Maus ganz traurig über ihr Feld. Ein Hase, der dies beobachtete, sprach die kleine Maus an. „Sag mal, Du kleine Maus", begann er vorsichtig, „ich beobachte Dich schon eine ganze Weile, was ist denn mit Dir los, Du siehst ja so traurig aus." „Ach", antwortete die kleine Maus, „ich bin ein wenig traurig, weil ich nur eine kleine Feldmaus bin." Der Hase war sehr erstaunt, und sagte: "Na, und? Ich bin nur ein normaler Feldhase, bin ich deswegen traurig? Nein, denn ich bin so geschaffen, wie ich bin. Jedes Wesen hat seinen Zweck auf den Feldern und in den Wäldern, deshalb bist Du so, wie Du bist. Sei doch wieder froh!" Aber die Maus war zu traurig, um nun einfach wieder froh zu sein. Da fragte der Hase, wie sie denn sein müsste, um sich wieder freuen zu können. „Ach, weißt Du," begann sie zögernd, „ich habe die Maulwürfe auf dem Feld gesehen. Die sind ja soo cool!", rief sie aus. „Hast du mal deren Fell gesehen? Pechschwarz ist das, und in der Sonne glänzt es bläulich. Dann die großen Schaufelhände. Und die können immer so schön graben. Ganze Hügel können die bauen. Und ärgern damit immer die Menschen, die sie dann jagen, aber nie bekommen. Die leben ja immer unten in der Erde."

Der Hase war sehr erstaunt über den Wunsch der Maus und wusste zuerst gar nicht, was er dazu sagen sollte. Er sagte: "Ja, das stimmt ja alles, was Du sagst. Auch diese Tiere erfüllen ihren Zweck. Und ärgern oft ungestraft die Gärtner. Aber das wissen die auch ganz genau, und geben oft damit an. Sie werden deswegen oft von den Menschen gejagt. Und weil sie immer unten in der Erde leben, sind sie fast blind. Und sie sind Einzelgänger, die haben nicht so viele Freunde wie Du, liebe Maus!" Aber die kleine Maus war nicht mehr zu bremsen. Sie wollte unbedingt ein Maulwurf sein. Da überlegte der Hase eine Weile, bis ihm eine Lösung einfiel. Er sagte zu der kleinen Maus: "Pass auf, ich kann Dir vielleicht helfen. Ich kenne da eine sehr sehr alte und sehr sehr weise Eule. Die hat Zauberkräfte. Vielleicht kann sie Dir ja helfen. Ich werde heute nacht mit ihr sprechen, jetzt schläft sie tief im Wald, und da darf man sie nicht stören. Aber, wer weiß, vielleicht hast Du ja Glück, und sie kann was für Dich tun." Die kleine Maus war sofort ganz aufgeregt, und wollte unbedingt mitkommen. Aber das wollte der Hase nicht. Die Eule war wirklich schon sehr alt und reagierte oft etwas mürrisch auf Besuch. Er befürchtete, dass sie nicht helfen würde, wenn man sie überrumpelte. Er versprach der kleinen Maus aber, sich für sie einzusetzen, und nichts unversucht zu lassen. „Komm morgen um die gleiche Zeit wieder hierher", sagte er, „dann werde ich Dir berichten, was die alte Eule gesagt hat.

Am nächsten Tag war die Maus superpünktlich wieder auf dem Feld und wartete auf den Hasen. Aber er kam nicht. Die kleine Maus wartete und wartete. Als sie der Mut verlassen hatte, wollte sie traurig aufbrechen. Sie hatte extra wegen Ihrer Verabredung das Frühstück ausfallen lassen, und ihr knurrte jetzt heftig der Magen. Gerade, als sich aufmachte, hörte sie aus der Ferne ein hektisches Rufen. Sie stellte sich auf die Hinterbeine, um zu schauen, wer da rief, und erkannte ihren Freund, den Hasen. Da war der Hunger ganz schnell wieder vergessen, und sie rannte ihm entgegen. "Wo warst Du denn so lange?", begrüßte sie ihn vorwurfsvoll, „ich dachte schon, Du kommst nicht mehr!" Der Hase war ganz aus der Puste, denn er war sehr schnell gelaufen. Nachdem er ein wenig verschnauft hatte, sagte er: „Ich bin erst jetzt gekommen, weil man mit der Eule erst um Mitternacht sprechen kann. Und dann dauerte das Gespräch noch sehr lange, weil sie Dir erst nicht helfen wollte. Für solchen Kinderkram sei ihr die Zauberkraft zu schade, hat sie gesagt." Die kleine Maus wäre vor lauter Aufregung fast geplatzt. „Und, hast Du denn noch was erreichen können?", fragte Sie ungeduldig. „Ja, habe ich," keuchte er, denn er war immer noch aus der Puste. „Deshalb bin ich so spät gekommen, weil wir so lange gesprochen haben, und ich dann noch eingeschlafen bin. Sie wird Dir helfen, aber Du hast nicht viel Zeit. Ihre Zauberkraft kann sie immer nur in einer Vollmondnacht einsetzen, und das ist heute um Mitternacht. Du musst dem großen Weg in den Wald folgen. Bei der Eiche an dem großen Teich mit den drei Inseln wirst Du die Eule treffen. Oder Du wartest noch einen Monat, bis der Mond wieder voll ist. Dann könntest Du Dir es ja bis dahin noch mal überlegen, denn die alte Eule meint auch, dass Du mit Dir wirklich zufrieden sein kannst.

Aber für die kleine Maus gab es nun kein Halten mehr. Sie war sich ihrer Sache sehr sicher. Sie dankte dem Hasen vielmals für seine Hilfe, gab ihm einen Kuss, und machte sich dann schnell von dannen, weil der Abend hereinbrach, und sie unbedingt noch ihren Hunger stillen musste. Sie aß ein paar Samen und Sonnenblumenkerne, die sie auf dem Feld fand, und wollte sich dann noch ein wenig schlafen legen, damit sie um Mitternacht munter für den Besuch bei der alten Eule sein würde.

Die Nacht war hereingebrochen, es war kurz vor Mitternacht. Der Mond stand hell und klar am Himmel, und leuchtete der kleinen Maus, die sich auf den Weg in den Wald gemacht hatte, den Weg. Sie war ein wenig ängstlich, denn sie war vorher noch nie so tief im Wald gewesen, schon gar nicht nachts. Die Blätter der Bäume rauschten leise im Wind, die Rufe der Hirsche, die sich nachts auf den Lichtungen des Waldes trafen, dies alles hatte sie vorher noch nie gehört. Es war ihr ein wenig unheimlich zumute, daher pfiff sie leise ein kleines Liedchen vor sich hin. Plötzlich sah sie das schimmernde Wasser des Teiches mit den drei Inseln. Der Mond spiegelte sich auf dem Wasser, und tauchte die große alte Eiche in ein gespenstisches Licht. Mit einem Mal sah die kleine Maus die riesig große Eule, und bekam es mit der Angst zu tun. Mann, war die riesig! Da erst fiel ihr ein, dass ihre Mutter sie immer vor Eulen gewarnt hatte, weil die Mäuse fraßen. Als hätte die Eule die Gedanken der kleinen Maus gelesen, sagte sie mit einer tiefen, rauen Stimme: "Du brauchst keine Angst zu haben, ich tue Dir nichts! Komm näher, damit ich Dich besser sehen kann. Zögernd näherte sie sich der Eule. „Soso", begann sie mit knurriger Stimme, „Du bist also die kleine Maus, die unbedingt jemand anders sein will?". Die Maus nickte, und traute sich nicht, etwas zu sagen.

„Na ja", fuhr die alte Eule fort, „Ich brauche Dir ja nicht zu sagen, was ich von Deinem Vorhaben halte. Auch der Hase ist da meiner Meinung, aber wenn Du unbedingt willst, dann werde ich Dir helfen - pass auf!" Die Eule zwinkerte einmal mit ihrem rechten Auge, und da stand plötzlich ein großer Maulwurf neben der Maus. Die Eule zwinkerte noch einmal, und dann merkte die Maus, dass sie sich verändert hatte. Die Eule fing an, mit dem Maulwurf zu reden. „Dies ist eigentlich eine Maus, aber sie wollte unbedingt einer von Euch sein. Nimm sie in die Lehre, aber behandele sie gut. Die Maus konnte es kaum glauben - war sie nun wirklich zu einem Maulwurf geworden? Schnell rannte sie zu dem Teich, um ihr Spiegelbild zu sehen, und tatsächlich - sie war ein Maulwurf. Wie schön ihr Fell im Mondlicht glänzte! Sie zitterte am ganzen Körper vor lauter Freude, und konnte es kaum glauben. Die alte Eule rief die Maus, die nun ein Maulwurf war, wieder zu sich. „Du wirst nun eine Zeit mit Deinem Lehrer zusammen leben. Ich habe Dir einen Zauberwunsch mitgegeben. Wenn der Mond das nächste Mal voll ist, kannst Du Dir wünschen, dass Du für immer ein Maulwurf bleibst, oder wieder eine Maus. Aber überlege es Dir gut, denn was Du Dir dann wünschen wirst, wird so lange Du lebst gültig sein. Selbst ich kann es nicht wieder rückgängig machen. So, und nun geh mit Deinem neuen Lehrer, und sieh zu, ob Du so glücklicher bist. Die Maus vergaß nicht, sich ganz herzlich bei der alten weisen Eule zu bedanken, und folgte ihrem neuen Gefährten in seinen Bau und verschwand damit in die Tiefen der Erde.

Sie war fasziniert von der Welt, die sie erwartete. Es war zwar stockfinster, aber noch war ihr nicht bewusst, dass dieser Zustand noch sehr lange anhalten würde. Sie folgte ihrem Lehrer und plapperte munter drauflos, obwohl ihr der Maulwurf nicht antwortete - er sprach nicht eine Silbe. Irgendwann wurde ihm das Geplapper der Maus zuviel, und er drehte sich um und herrschte sie an: "Kannst Du nicht einmal Deinen Mund halten? Ich weiß, ich soll Dich gut behandeln, aber hier ist Deine erste Lektion für heute: Hier unten wird nicht viel geredet. Das geht uns auf die Nerven!" Oh, entschuldige bitte, das habe ich nicht gewusst", entgegnete sie kleinlaut, und sprach fortan nur das Nötigste. Nachdem ein ganzer Tag vergangen war, und sie noch keinen einzigen anderen Maulwurf angetroffen hatte, fragte sie ihren Lehrer, wo denn seine Freunde wären. Da fing der Maulwurf an zu lachen. „Freunde? Was für Freunde? Wir Maulwürfe sind Einzelgänger! Hast Du das nicht gewusst? Wir gehen uns aus dem Weg, jeder hat sein eigenes Revier und seine eigenen Hügel." Da begann es der Maus zu dämmern, dass sie wohl nicht alles über ihre Idole wusste, und ein leiser Zweifel überkam sie. Aber sie wollte nicht undankbar sein, denn es war ja schließlich ihr Wunsch gewesen.

Nach ein paar Tagen bekam sie Sehnsucht nach der wärmenden Sonne. Aber wieder lachte der Maulwurf nur verächtlich. „Sonne? Was willst Du denn damit? Die blendet doch nur, und verbrennt Dir dein schwarzes Fell! Nein, wir kommen nur nach oben, wenn es reget, oder wenn es Nacht ist. Sonne!", schnaubte er verächtlich. Allmählich wurde die Maus immer trauriger, denn die Sonne war Ihr liebster Gefährte gewesen, auch die frische Luft. Hier unten war es meist sehr stickig. Aber sie wollte sich nicht beklagen, denn es war ja ihr Wunsch gewesen, ein Maulwurf zu sein. Sie würde sich schon noch daran gewöhnen, hoffte sie.

Nach vielen Tagen, der Mond stand schon wieder fast voll am Himmel, kam die schwerste Prüfung für die Maus: sie sollte einen Hügel aufschichten. Sie versagte kläglich, denn sie konnte die Schaufeln, die sie hatte, nicht richtig einsetzen. Sie schaufelte sich den meisten Sand in Mund und Nase, bis sie schließlich fast keine Luft mehr bekam. Ihr Lehrer hatte dafür nur ein verächtliches Lachen übrig und machte keinerlei Anstalten, ihr zu helfen.

Da wurde sie plötzlich ganz traurig. „Was habe ich nur getan?", rief sie laut aus, „dass ich mich hier so quälen muss, ohne Sonne, ohne Luft, ohne liebe Freunde!" „Du hast Dir gewünscht, ein Maulwurf zu sein", entgegnete ihr Lehrer, "und hattest keine Ahnung, was das bedeutet. Nun musst Du die Suppe selbst auslöffeln, die Du Dir da eingebrockt hast!"

Die kleine Maus war ganz verzweifelt. „Ach", schluchzte sie, „hätte ich mir das doch nie gewünscht! Ich bin ja so unglücklich! Wäre ich doch nur wieder was ich war, eine kleine Maus!!!" Da geschah etwas seltsames. Sie fühlte eine Veränderung, sie begann zu schrumpfen, und ehe sie begreifen konnte, was vor sich ging, stand sie wieder vor der alten Eule - im hellen Licht des vollen Mondes. „Soso", sagte die alte Eule schmunzelnd, „da bist Du ja wieder. Und hast offensichtlich die Zauberkraft benutzt. Du bist ja wieder eine Maus." „Ach", entgegnete die Maus, „entschuldige bitte, dass ich so dumm war, und dem Hasen und Dir nicht geglaubt habe - ich bin ja so froh, wieder hier zu sein." „Na, dann geh mal wieder nach Hause auf dein Feld", sagte die Eule, „Deine Freunde warten schon."

Am nächsten Morgen ging die kleine Maus ganz früh auf das Feld, um zu sehen, ob ihre Freunde tatsächlich da waren, und ob sie überhaupt noch mit ihr befreundet sein wollten - schließlich hatte sie ja was „besseres" sein wollen. Aber sie waren alle gekommen, denn es hatte sich sehr schnell herumgesprochen, dass die kleine Maus wieder da war. Und es war ihr keiner böse. Es fragte sie auch niemand nach ihren Erlebnissen als Maulwurf, und sie erzählte auch nichts davon. Alle waren froh, dass sie wieder da war, und sie war glücklich, wieder das sein zu dürfen, was ihre Bestimmung war - eine kleine, aber süße und glückliche Maus.

Sie lebte noch sehr lange sehr glücklich. Sie hatte nie wieder den Wunsch, jemand anderes zu sein.

© Marcel Klee 1980/2001

Themenübersicht