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Borillo an der Oberfläche

von Walter Kiesenhofer

Als er diesmal die Erdschollen von unten durchstieß und große rosarote Nase im Anschluß an seine großen Schaufeln in das grelle Licht des Tages reckte, war alles anders als sonst. Blitzlichter flammten auf, Reporter streckten ihm Mikrofone entgegen, eine unabsehbare Meute von Journalisten und bedeutenden Leuten beugten sich zu ihm herab.

Borillos starkes Maulwurfherz war nie leicht zu erschüttern gewesen. Man kennt auf der ganzen Welt keine unbeirrbareren Herzen als die von Maulwürfen, die sich stetig und sicher ihren Weg durch die Erde graben und immer wieder an das Licht des Tages durchstoßen. Diesmal aber - nein, das war doch wirklich zu kurios! Was wollten die vielen Menschen, was war hier los - und vor allem: was hatte dieser Auflauf mit ihm zu tun?
"Der allerletzte Maulwurf hat nun das dunkle Erdreich verlassen und ist Bewohner der Oberfläche geworden. Wie ist es für Sie, werter Herr Maulwurf, oder sind Sie gar eine Madame Maulwurf, bei uns Menschen im Licht, bei uns an der Sonne zu sein - und zu bleiben?" Der junge schicke Fernsehreporter kicherte etwas abgründig, als sei ihm mit der Anspielung auf die Geschlechtlichkeit eines Maulwurfs ein besonders feiner Spaß geglückt. Borillo war endgültig verwirrt. Der allerlerletzte Maulwurf. Für immer am Licht der Oberfläche .... Er würde selbstverständlich wieder seine Gänge im kühlen Erdreich aufsuchen. Und zwar so rasch als möglich, wenn ihn diese Versammlung nicht sogleich in Ruhe ließ. Schon traf er Anstalten, mit seinen großen Hände weit auszuholen und senkte seine Nase nach unten, da spürte er mit einem mal, daß ihm etwas über beide Hände zugleich gestülpt wurde, was ihn abrupt an der Ausführung seines Vorsatz unterbrach. Vor Schreck riß er die Augen weit auf. Seine Augen sehen von Natur aus nicht gut, aber was er da erblickte, jagte ihm einen gewaltigen Schreck ein: man hatte ihm einen großen rosaroten Handschuh aus Leder über seine beiden Schaufeln gestülpt, der mit einem Gummibund kurz vor seiner Nase abschloß und nicht abzuschütteln war.
"Was, was soll das bedeuten?" Es waren die ersten Worte, die er sprach. (Maulwürfe sprechen nur sehr selten. Ihre Sache ist es nicht, viele Worte zu verlieren, sondern vielmehr, sich zu orientieren, konsequent und folgerichtig zu arbeiten und sich ihre Wege selbst zu bahnen.) Er war in dieser Situation eingestandenermaßen aber zweifellos im Recht, Aufklärung über den sonderbaren Anlaß zu verlangen, dessen Mittelpunkt er offensichtlich war und über die Behinderung seiner Bewegungsfreiheit, welche ihn noch mehr schmerzte.
"Er weiß es nicht, er weiß es wirklich noch nicht!", jubelte eine junge Reporterin in einem engen hellblauen Kostüm. "Wie entzückend, er lebt wirklich hinter dem Mond... na ja, hinter der Erde", fügte sie leicht angewidert hinzu. "Wie kann auch einer, der unter der Oberfläche sein Leben fristet vom Lauf des Lebens wissen. Nun gut, verehrter unterirdischer Freund, ich will es ihnen erklären, zumindest will ich es versuchen: Wir haben ein eigenes Stück auf der großen Maulwurfsfarm für jeden von euch reserviert, dort findet jeder Maulwurf ideale Lebensbedingungen, auch eine kleine Höhle und einen kleinen Teich zum Waschen. Für Futter und Unterhaltung wird gesorgt, alle Ihre Artgenossen unseres Landes befinden sich bereits dort. Einzige Bedingung ist, daß Sie nie wieder unter die Erdoberfläche hinunter dürfen. Deshalb der Handschuh. Eine reine Sicherheitsmaßnahme, Sie verstehen doch hoffentlich. übrigens, wie gefällt er Ihnen, es ist der schönste von allen für den letzten aller grabenden Maulwürfe...."
Und dann erklärte die Journalistin dem vor Entsetzen sprachlosen Maulwurf, wobei ihr die anderen Presseleute assistierten, wie man eine Maulwurfstiftung ins Leben gerufen habe, wieviel die Maulwurffarm kostete und wie man deren Betrieb sicherstellen würde bis in alle Zeiten. "Und warum das alles, bitte, warum?" Unser kleiner tapferer Maulwurf verstand überhaupt nichts mehr. Maulwurf und nicht mehr graben sollen? Was um alles in der Welt kann ihm sein natürliches Recht, das Innere der Erde, streitig machen?
"Er weiß es nicht, er weiß es nicht, er hat keine Ahnung, seht, wie entzückend!" Die Reporterin im rosaroten Kostüm hätte fast einen Luftsprung getan, wenn sie ihr enger Mini nicht daran gehindert hätte.Hierauf breitete man den Grund vor ihm aus für diese Maßnahme. Ein junger Mann in grauem Anzug, geziert von einem verwegenen Fünftagesbart, ergriff das Wort, nachdem er sich als Regierungsvertreter dieses Distrikts vorgestellt hatte. Anschließend erklärte er vor den Kameras, die nun alle auf ihn gerichtet waren:
"Lieber Maulwurf, meine geschätzten Damen und Herren! In unserer Gesellschaft liebt man das Licht und die Sonne. Wir haben nichts zu verbergen und nur das was sichtbar ist, lieben wir. Wie Sie alle wissen, hat hier gerade unsere Partei hervorragende Arbeit geleistet und eine Politik der absoluten Oberfläche versprochen.Nun, wie Sie aus den Medien sicherlich wissen, haben wir das Projekt Maulwurfsfarm ins Leben gerufen und durchgeführt. Mit diesem letzten Exemplar nun darf ich das Projekt als abgeschlossen bezeichnen, welches kein zwei- oder vierbeiniges Lebewesen mehr im Dunkeln läßt.
Wir alle fühlten uns immer schon verunsichert, wenn etwas sich unter unserer Oberfläche regt und bewegt oder sich gar, unbemerkt von uns, seine eigenen Wege wühlt. Was wir nicht mit unseren Augen jederzeit sehen können, das soll uns daher nicht länger beunruhigen. Auf der anderen Seite stellt es für die Maulwürfe auch einen Akt der Erhebung dar, und das meine ich im wahrsten Sinn des Wortes, daß sie aus der dunklen feuchten Erde herausgeholt wurden an das wärmende Licht der Sonne. Sie wissen ja, unsere Partei trifft Vorsorge für alle Lebewesen. Werter Herr Maulwurf, betragen Sie sich hiemit als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft!"
Und an den Maulwurf gerichtet, fuhr er weiter fort: "Sie können unter kontrollierten Bedingungen als Grabungsarbeiter in unseren künstlichen Gartenanlagen beschäftigt werden, Sie können Designer für Maulwurf-Clothing werden. Das wäre überhaupt noch eine Marktlücke. Denn, auch das muß allgemein klar sein: wir können auf Dauer nicht dulden, daß Sie und Ihre Art weiterhin wild und nackt herumlaufen. Wir alle benutzen sorgfältig gestylte Waren, Designerdüfte, Designerkleidung. Dasselbe steht Ihrer Gattung natürlich auch zu, ja, wir müssen sogar darauf bestehen, daß Sie sich uns in diesen ernsthaften Dingen anpassen werden. Ein Kleidungsstück besitzen Sie ja bereits, Ihren Handschuh, lieber Freund aus der Tiefe! Willkommen unter der Sonne, willkommen auf der Oberfläche unseres schönen Planeten!"
Applaus brandete auf. Borillo hätte aus verständlichen Motiven heraus gar keine Lust gehabt, mitzuklatschen. Und selbst, wenn er das Bedürfnis dazu verspürt haben würde; er hätte es gar nicht vermocht, so eng steckten seine großen Hände im ledernen Handschuh.

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