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Max

von Daniela Gebert

erschienen im Hannah-Verlag

Wasser, Wasser überall! Es drang unaufhaltsam in die Gänge vor und flutete die Kammern in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Seine Frau stürzte mit einem Jungen - gerade vor ein paar Tagen geboren - an die Oberfläche. Bevor Maulwurf Max sie zurückhalten konnte, verschwand sie wieder im Bau. Ihre Hinterpfoten waren das letzte was Max jemals von ihr sah. Sie tauchte nicht mehr auf, ertrank mit dem Rest des Wurfes irgendwo dort unten, unter dem Rosenbeet. Mutterliebe hatte sie umgebracht. Nein, das war falsch Berthold Schmidt hatte sie umgebracht. Mara und die Kinder. Max schnüffelte ratlos an dem geretteten Jungtier. Es war noch zu jung zum überleben. Trotzdem blieb er in seiner Nähe. Schon bald begann es mit der Schnauze suchende Bewegungen zu machen und zu fiepen. Max fürchtete, dass man auf ihn aufmerksam würde. Er schleppte das zitternde Bündel mit sich aufs Nachbarfeld. Doch er wusste instinktiv, dass er nichts dafür tun konnte. Das Fiepen und Zucken hörte erst nach 2 Tagen auf. Max war erleichtert, als es zu Ende war.

Berthold Schmidt war ein Ästhet. Er liebte das makellose Grün einer perfekten Rasenfläche, die exakten Formen des gestutzten Buchsbaumes und die aufeinander abgestimmten Farben der mit Bedacht ausgesuchten Blumen und Stauden. Berthold tanzte im Gegensatz zu vielen seiner Geschlechtsgenossen gerne. Einige Tage nachdem das Jungtier auf dem Acker nebenan verendet war kamen Schmidts spätnachts von einem Ball zurück. Der sonst so korrekte Hausherr hatte einen ziemlichen Schwips. Beim Anblick des von ihm so gut wie wieder hergestellten Rasens machte er in seinem schwarzen Anzug ein paar Walzerschritte in Richtung Rosenbeet. Ohne Frau Schmidt allerdings, denn die wollte nicht mit den Absätzen im Boden stecken bleiben. Aber dennoch bewegte er sich in tadelloser Haltung und mit soviel Anmut, wie es bei einem angetrunkenen, walzertanzenden Hobbygärtner eben möglich ist. Das Mondlicht beschien die Szene. Im Schatten der Thujahecke vibrierten ein paar Schnurrhaare. Ungesehen von den beschwipsten Schmidts verschwand ein walzenförmiger kleiner Körper Richtung Nachbarfeld.

Jener Tag im Frühsommer hatte Max sehr verändert. Er konnte sich nicht mehr an einem fetten Regenwurm erfreuen. Er fand einfach keinen Frieden, soviel er auch grub. Und er grub wie ein Besessener. So entstand auf dem Acker gleich neben Schmidts Garten ein wahrer Prachtbau. Mehrere wunderbare Schlafhöhlen schuf er, eine perfekte Belüftung und eine schier unendliche Zahl von Notausgängen. So reihte sich Haufen an Haufen. Solange das Getreide stand, störte sich niemand daran. Doch Max war tief in seinem Inneren verstört. Häufig träumte er vom Gurgeln des Wassers. Mit lautem Quietschen fuhr er aus dem Schlaf hoch. Beim Jagen stieß er sich ständig die Nase an den Wänden des Baues, weil er so unachtsam war.

Dann tauchte Muriel auf, ein junges Weibchen mit glänzend schwarzen Fell, das sein Stummelschwänzchen kokett schwenkte. Max wollte sich eigentlich nicht mit ihr einlassen, aber sie blieb in seiner Nähe und setzte provozierende Duftmarken an den Rand seines Reviers. Nichts schien sie zu stören, nicht die grauen Haare um seine Schnauze und auch nicht das halbabgerissene Ohr. Noch nicht einmal die Narbe am Hinterlauf, ein Souvenir von Schmidts Katze, die allerdings vor zwei Jahren überfahren worden war.

Der Sommer schritt fort, und die Instinkte, die Hormone oder auch Muriels Verführungskünste siegten über Maxens Abwehrhaltung. Mitte Juli hörte man das Fiepen neugeborener Jungtiere aus dem Bau auf dem Acker. Beim Anblick der hilflosen kleinen Wesen kamen all die Erinnerungen wieder in ihm hoch. Er begann, am ganzen Körper zu zittern und rannte aus dem Bau. Von diesem Tag an wurde er richtig seltsam. Er war regelmäßig für längere Zeit unterwegs. Muriel versuchte oft, herauszubekommen, wo er gewesen war. Sie beschnupperte ihn auf der Suche nach Duftspuren, die ihr Auskunft geben könnten. Doch Max rollte sich nur mürrisch grunzend in einer Ecke des Baus zusammen und fiel in den Tiefschlaf eines hart arbeitenden schon etwas älteren Maulwurfes.

Anfang August war sein geheimes Werk beendet. Max hatte alles so gut vorbereitet, dass eigentlich nichts schiefgehen konnte. Trotzdem raste sein Maulwurfsherz wie verrückt und all die schrecklichen Erinnerungen kamen zurück. Er hörte wieder Maras Keuchen, als sie zum allerletzten Mal in den Bau gerannt war und auch das Röcheln des verdurstenden Babys. Noch einmal lief ein Schauer über das zerzauste Fell. Doch dann schüttelte Max die furchtbaren Bilder ab. Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen und etwas für die Zukunft zu tun. Entschlossen streckte er seine rosa Nase in die Luft und machte sich auf den Weg zum alten Bau in Schmidts Garten.

So, jetzt ist endgültig Schluss mit den verdammten Viechern, dachte Berthold Schmidt. Er rollte den Gartenschlauch ab und steckte ihn in den freigelegten Ausgang des Baues. Zuvor hatte er all die anderen Löcher in seinem Rasen - oder besser dem, was Max in der letzten Nacht davon übriggelassen hatte, mit schweren Steinplatten verschlossen. Das hatte eine ganze Weile gedauert, denn Max hatte in wenigen Stunden fast dreißig Hügel im kurz geschnittenen Gras hochgeschoben. Neckisch saßen die schwarzbraunen Kegel aus krümeliger Erde auf dem liebevoll gepflegten Grün.

Schmidt raste vor Wut. Diesmal entkommt mir keines von den Biestern, schwor er sich. Während er das Wasser aufdrehte, verschwand ein samtiges schwarzes Etwas mit einem Stummelschwanz in einem Gang, der unter einem Hortensienbusch, ganz nah an der Hauswand, mündete. Diesen Gang hatte der Mensch übersehen, denn er war nur von etwas Laub bedeckt und machte nicht mit einem der typischen Haufen auf sich aufmerksam. Schnell hatte Max sein Ziel erreicht. Er näherte sich vorsichtig der Stelle, an der er das Kabel entdeckt hatte. Nur wenige Zentimeter über dem Boden verlief es unter dem Putz. Max zerrte energisch an dem grauen Kunststoff und mied instinktiv das rötlich glänzende Ende. Er hatte eigentlich schon gute Vorarbeit geleistet, aber trotzdem kostete es eine enorme Kraft, das Kabel dorthin zu bringen, wo er es haben wollte. Er wusste nicht viel über Menschenbaue und was sich darin befand, aber er spürte, wie sich sein Fell sträubte, wenn er in die Nähe des blanken Metalles kam, das vorne aus dem Kunststoffmantel hervorschaute. In seinen Schnurrhaaren tat es richtig weh, doch er widerstand dem Drang, das Weite zu suchen. Instinktiv tat er, was getan werden musste um sein Werk zu beenden. Das Wasser stand schon halbhoch in dem versteckten Gang, als Max schnaufend und grunzend vor Erschöpfung durch die Thujahecke verschwand.

Schmidt war sich ganz sicher, dass sein Projekt von Erfolg gekrönt sein müsste. Selbstzufrieden zog er den Schlauch aus dem Bau und legte auch auf diesen Ausgang eine Steinplatte. Er würde noch 1-2 Tage warten, bevor er die Platten wegnähme. Er wollte ganz sicher sein. Leise pfiff er den Donauwalzer und wippte im Dreivierteltakt, während er über den Rasen ging. Da erfassten seine Augen eine Ansammlung von totem Laub neben der Tellerhortensie. Seine Brauen zogen sich irritiert zusammen. So etwas! Das würde er gleich wegfegen. Während er nach dem Absperrhahn gleich neben dem Busch griff, nahm er gerade noch ein seltsames Knistern wahr. Und dann begann der letzte und skurrilste Tanz seines Lebens.

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