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Im Garten ist der Maulwurf los

Seit nunmehr beinahe vier Jahren fristen wir, meine Frau, Schäferhund Charlie und meine Wenigkeit, die zweifellos den Schwerpunkt unseres Rudels bildet, ein fröhliches Dasein in unserem Zuhause. Dazu zählt ein nicht gerade besonders großer aber umso mehr geliebter Garten. Wir frequentieren diesen im Sommer sehr häufig. Im Gegensatz dazu betreten wir ihn im Winter kaum. Eigentlich tun wir dies immer nur dann, wenn der Biomüll in regelmäßigen Abständen entsorgt wird. Meistens bin ich derjenige, der dieser übel riechenden Arbeit nachgehen darf. Die Nase meiner Frau ist zu empfindlich und unser frecher Hund empfindet diesen Gestank als Parfüm und würde doch nur in dem Unrat herumwühlen.

Also bleibt wieder nur einer übrig. Im Zweifelsfall fällt die Wahl so oder so auf mich – spätestens dann, wenn es darum geht, unangenehme Dinge zu erledigen. Dabei ist es unerheblich, ob es Schreibarbeiten, Einkäufe, mit dem Hund bei Regenwetter spazieren gehen oder ähnlich geliebte Tätigkeiten sind. Anlässlich einer erneuten Biomüllentsorgung wurde mir allerdings schlagartig klar: Wir sind nicht allein auf unserer Scholle..........
Die Wahrheit ist da draußen, oder so ähnlich.

Mich traf beinahe der Schlag. Auf unserer gerade erst gemähten Wiese befanden sich unter unserem Pavillon zwei braune Erdhaufen. Der Rasen war achtlos mit dem Aushub entfernt worden. Kein Zweifel möglich. Wir hatten einen neuen Untermieter. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte er sich unter unseren Füßen eingemietet. Es handelte sich um niemand geringeren als den ganz gemeinen Maulwurf, schwarz befellt und spionagegeil. Völlig irritiert stürmte ich die Wohnung und machte kreidebleich Meldung bei meiner heimlichen Regierung, nämlich meiner Frau.

„Wir haben einen Mitbewohner im Garten.“, hechelte ich atemlos. „.......zwei riesige Haufen hat er aufgeworfen.“

Mindestens zwanzig Fragezeichen standen im Raum. Allesamt bedeuteten diese nichts Gutes, weil meine bessere Hälfte sich nunmehr ihrerseits Gedanken machte, warum erstens bei uns und zweitens ausgerechnet ein Maulwurf. Ihrer Ansicht nach hätte eine Wühlmaus ausgereicht. Ungeachtet dessen macht diese auch Haufen, aber viel kleinere und vor allen Dingen mehr. Dann doch besser einen Maulwurf. Was konnten wir also tun? Das war die nächste Frage, die ich mir stellte. Die erste Reaktion war, dass ich mich ohne Umwege an den Computer setzte und das Internet auf den einschlägigen Seiten abfragte, bis der Server qualmte. Dabei fand ich heraus, dass dieser possierliche Erdbewohner ein hervorragender Höhlenbauer und äußerst friedlicher Zeitgenosse ist, der sich Pflanzen durch die zuvor gegrabenen Löcher in die Erde zieht, um damit seine winzigen Höhlen für den geplanten Nachwuchs auszupolstern. Wenigstens ergab seine Aktivität nun einen Sinn. Das hielt mich aber nicht davon ab, darüber nachzuforschen, wie man dem unterirdischen Kollegen das Handwerk legen könnte.

Meine Frau dagegen erging sich in wüsten Beschimpfungen über den Nachbarn, der seit Jahren seinen Garten verkommen ließ. In ihrer Sprechblase befanden sich Streitäxte, Totenköpfe, Bomben und Fragezeichen. Das würde uns trotzdem nicht weiterhelfen. Mir war auch klar, dass unser Nachbar ein Taugenichts und Lump war, der alles damit entschuldigte, dass an seinem Rasenmäher der Bowdenzug gerissen war. Der wirkliche Grund war ein ganz anderer. Er hatte mir unterstellt, die Katze eines anderen Nachbarn ermordet – jawohl, ermordet - zu haben. Daraufhin traf ihn mein göttlicher Zorn mit voller Wucht und hätte ihn mittels einer schwungvollen Rechten auch höchstwahrscheinlich unangespitzt im Boden versenkt, wenn meine Frau nicht dazwischen gegangen wäre. Der Glückspilz...... Soviel zu unserem ausgeprägt freundlichen Nachbarschaftsverhältnis im gärtnerischen Bereich.

Das Schlimme ist, dass die kleinen schwarzen Kerlchen mit ihren Riesenschaufeln auch noch unter Naturschutz stehen. Somit sind diese auf jeden Fall am Leben zu lassen, unabhängig davon wie viele Haufen und Gänge sie anlegen. Unser Hund schien das auch zu wissen, denn er zeigte nicht das geringste Interesse an der Hügellandschaft.

Ich rief also meinen alten Freund Burkhard an, der sich als Landwirt gut mit den entsprechenden Maulwurfkampfmitteln auskannte. Nachdem ich ihm die Ohren voll geheult hatte, beruhigte er mich zunächst einmal mit dem humorvollen Hinweis, dass durch die Aktivitäten maulwürflicherseits der Boden doch schön aufgelockert würde. Ich entgegnete, dass dieser Kommentar wohl nicht ganz angebracht wäre, weil ich schließlich keine Zwiebel- oder Salatbeete einrichten wollte. Was ich wollte, war eindeutig. Ich strebte die Endlösung im Hinblick auf unseren Untermieter an. Dabei erzählte ich ihm von meiner glorreichen Idee, einfach säckeweise Rattengift in die Löcher zu kippen. Burkhard lächelte nur müde und meinte, dass dieser Kumpel kein Körnerfresser sei und somit schlicht und ergreifend besagtes Gift ignorieren und seine Gänge um diese Häufchen herum anlegen würde. Ich fragte mich, ob er auch tauchen kann, denn dann könnte ich ihm mittels meines Wasserschlauches den Garaus machen. Allerdings hatte ich keine Ambitionen, aus unserer Wiese eine Sumpflandschaft zu machen. Ich könnte auch Benzin in die Gänge gießen und anzünden. Vermutlich hätte dies zur Folge, dass unsere Scholle augenblicklich abbrennen würde. Wahrscheinlich würde der Maulwurf das Inferno auch noch überleben. Außerdem wusste ich auch nicht, ob er sich gerade jetzt in der fraglichen Region aufhielt. Also verwarf ich diese Gedanken ebenfalls auf Anraten meines Freundes. Meine Schlachtpläne wurden allesamt ad absurdum geführt und landeten in meinem geistigen Papierkorb.

Doch dann kam die ultimative Antwort von der anderen Seite der Telefonleitung. Mein Freund in allen Lebenslagen schlug mir vor, mich mit saurer Sahne einzudecken, diese in einem bestimmten Verhältnis mit Wasser zu mischen und das so hergestellte Gebräu in die vorsichtig freigelegten Löcher zu gießen. Warum denn ausgerechnet saure Sahne? Essig stinkt doch auch bestialisch. Er teilte mir mit, dass Maulwürfe den Geruch nicht mögen und sich dann verärgert verdrücken. Die Frage ist nur: in welche Richtung? Und vor allen Dingen, für wie lange?

Burkhard warf ein, dass dies wohl reichen würde, um den buddelfreudigen Kerl für immer zu vertreiben. Hoffentlich behielt er recht. Ich bedankte mich bei ihm für seine Hilfe und ging ans Werk. Mit einer unglaublichen Menge verflüssigter saurer Sahne bahnte ich mir meinen Weg zwischen den Häufchen hindurch und begann mein verheerendes Werk am äußersten Ende der Hügelstrecke. Liter auf Liter fanden den Weg in die unterirdische Maulwurfseinkaufstadt und sorgten so hoffentlich für eine anständige Überschwemmung. Nachdem ich das Höhlenbauwerk auf meine Weise wieder aufgefüllt hatte, schüttete ich die verbliebenen, nun nach saurer Sahne stinkenden Löcher wieder zu und trat den Boden in der Hoffnung fest, dass der kleine schwarze Schaufelbagger so schnell oder besser nie wieder hier auftauchen möge.

Ich sollte mich gewaltig irren, denn unser Garten ist doch größer, als ich vermutete, zumindest aus der Sicht des vierbeinigen Stollentreibers. So hätte ich eine Menge dafür hergegeben, wenn unser ebenfalls sehr wühlfreudiger Schäferhund ein wenig mehr Interesse an unserem Störenfried gezeigt hätte. Wie gesagt war Charlie – so heißt unser Hund – mehr auf Mauselöcher und ihre Namensgeber spezialisiert. Anlässlich unserer Spaziergänge in der Feldmark brauchte ich ihn nur zu animieren, indem ich fragte: “Wo ist die Maus?“ und „Such!“. Schon war er unterwegs und pflügte alles um, was nach Hügeln aussah. Meist erwischte er auch irgendwas, das aussah wie eine Maus. Gelegentlich förderte er auch einen verfaulten Knochen zutage, den ich ihm dann schnellstens wegnehmen muss. Aber einen primitiven Maulwurfshügel? Wirklich nicht. Dafür war sich der Herr Schäferhund wohl doch zu fein. Ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht riechen Maulwürfe anders und fallen somit nicht in sein Beuteschema.

Immerhin hatten wir ungefähr acht Wochen Ruhe. Jeden Morgen kontrollierte ich gewissenhaft das fragliche Areal, ohne irgendwelche Existenzbeweise des kleinen Ekelpakets zu entdecken. Artig machte ich wieder einmal meine Meldung: „Alles klar im Garten. Weit und breit keine Feindberührung. Er ist weg.“ Ich sollte mich gefälligst bei Burkhard bedanken, intonierte meine Frau. Na gut, dann machte ich es eben so. Ich rief ihn an, dankte ihm überschwänglich für seine Hilfe und führte mit dem Hörer in der Hand Freudentänze auf. Bescheiden, wie Burkhard nun mal ist, bot er mir für den Supergau – er meinte damit, falls der Kollege vermutlich mit Verstärkung wieder auftauchen würde– an, er mir auch gern seine Motorhacke zur Verfügung stellen würde. Ich lehnte mit Vorbehalt dankend ab, legte den Hörer zurück in die Mulde und freute mich über meinen Sieg.

Dass es kein Sieg war, sondern ich nur eine Schlacht geschlagen hatte, stellte sich nach einigen Tagen der Freude heraus.Anlässlich einer Durchfallattacke unseres verrückten, Zuckerrüben fressenden Hundes betrat ich in der gebotenen Eile unseren Garten nach Einbruch der Dunkelheit. Dies hatte Folgen. Ich stolperte, wo ich eigentlich gar nicht hätte stolpern dürfen. Die Frage nach dem WARUM schwebte über mir wie das berühmte Damoklesschwert. Ich löste das Problem, indem ich mit einer Taschenlampe bewaffnet auf das besagte Territorium zurück kehrte und stellte mit Schrecken fest, dass sich dort nunmehr sieben Hügel befanden. Ich dachte sofort an Rom, denn wie die Geschichte lehrt, wurde diese Stadt auf sieben Hügeln erbaut. Allerdings hatte ich eher den Verdacht, dass Rom dieses Mal unterirdisch errichtet wurde. Dieses verdammte Vieh. Ich würde ihn ersäufen wie eine Katze.Meinen Mordgedanken stand leider der eingangs bereits erwähnte Naturschutz entgegen. Ich zog sogar in Erwägung, einige Liter Bier ins Erdreich zu kippen, aber vermutlich würde unser Maulwurf alkoholabhängig und außerdem ist das auch eine Kostenfrage. Also verwarf ich den Gedanken und besann mich auf die alt hergebrachte Vorgehensweise.

Seitdem ziert unseren Rasen oder das, was einmal unser Rasen war, ein 100 Liter Tank mit Saurer-Sahne-Gemisch, welches durch ein ausgeklügeltes Schlauchsystem unmittelbar in die Erde geleitet wird.Im Übrigen hat sich der Maulwurf von Gottes Gnaden an die Brühe gewöhnt und sein Feldlager rund um den Tank eingerichtet. Dies kann man unschwer an der Unzahl der Hügel nachvollziehen. Er hat uns sogar einige Quadratmeter Grünfläche abgetreten, auf der wir dann im Sommer oder Winter umherlaufen, liegen oder grillen dürfen. So etwas nenne ich friedliche Koexistenz mit Maulwürfen.

Nun patrouilliere ich jeden Tag im Garten auf und ab und schaue nach, ob auch genügend Gemisch ins Erdreich fließt. Schließlich soll unser Maulwurf nicht leben wie ein Hund.

Oder so ähnlich...........

© Norbert Friehe

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