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Die Maulwürfe und der Grashüpfer

Manfred Kyber (1880 - 1933)

Als der Maulwurf Peter Plüsch, dessen Leben darin bestand, unter der Erde nach Engerlingen und Regenwürmern zu wählen, eines Tages seine rosa Schnauze aus einem Erdhaufen emporstreckte, sahen seine winzigen Äuglein etwas Sonderbares: einen Grashüpfer, der im Grase saß und seinen Abendtau trank. Peter Plüsch besah sich das grüne Wunder von allen Seiten und sagte sich: "Das ist sicher etwas Leckeres zum Fressen, das muß ich meiner Familie zeigen", und er wühlte sich eiligst zu einem seiner Gänge und rief:
"Kommt schnell, draußen sitzt ein grüner Herr. Er sieht knusprig aus."
Peter Plüsch, seine Frau Pauline Plüsch und die drei kleinen Plüschs wühlten aus Leibeskräften. Zuerst tauchte Peter Plüsch aus dem Erdboden auf, dann Frau Plüsch und nachher die drei kleinen Plüschs.
"Los!" schrie Peter Plüsch, und die Plüschs fuhren alle zusammen auf den knusprigen Grashüpfer los.
Der aber sprang mit einem gewaltigen Satz über die Plüschs hinweg, so daß sie nichts mehr von ihm sahen, sondern mit den Nasen zusammenstießen.
Peter Plüsch war wütend, und die kleinen Plüschs fragten: "Papa, wo ist der Grashüpfer geblieben?"
"Er ist in der Erde verschwunden", schrie Peter Plüsch, "wo kann man denn sonst verschwinden als in der Erde. Also los, wühlen, wühlen, wir müssen ihn finden!"
Inzwischen war es Nacht geworden, und die Plüschs wühlten immer noch; sie suchten nach dem verlorenen Grashüpfer.
Die weise Kröte Sibylle Warzenreich aber, die das Ganze beobachtet hatte, rief:
"Es gibt so viele, die in der Erde wühlen nach dem, was über der Erde ist. Das Wühlen nützt gar nichts, Herr Plüsch! Es sind zwei Reiche, eines in der Erde und eines über der Erde - und vielleicht sind es noch viel, viel mehr."
Und dann seufzte sie und sah nach oben. Die Sterne gingen über ihr auf.

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